Was macht eigentlich der Elternbeirat ??
Mit der TIMS-Studie und dann erst recht mit PISA wurden
allerlei Schwächen unserer Schülerinnen und Schüler,
aber auch des Schulsystems an sich aufgezeigt, die uns ernsthaft
beschäftigen müssen. Es zeigte sich, dass unsere jungen Leute
schlechter als in manchen anderen Ländern Lösungen bei
Aufgaben finden, die sie so nicht geübt haben. Das ist eine
Anfrage an die Unterrichtsqualität und den Lebensweltbezug der
Schule. Der Elternbeirat kann Informationen zur Gestaltung und der
Effizienz des Unterrichts einholen, allerdings sollten die Eltern sich
mit "Ratschlägen" zur Unterrichtsgestaltung und mit methodischen
Vorschriften zurück halten. Das ist Kerngeschäft der
Lehrkräfte.
Es zeigte sich bei PISA aber auch, dass gerade die Länder gut
abschnitten, in denen Schule und Lernen hohes Ansehen genießen,
in denen die Eltern sich für die Schule interessieren und sie
unterstützen. Das ist eine Anfrage an die Eltern in Deutschland.
Auch hierzulande stimmt es, dass Schulen, die eng mit den Eltern
zusammenarbeiten, insgesamt besser dastehen. Dabei geht es nicht in
erster Linie um finanzielle Unterstützung, sondern vor allem um
die Übernahme von Verantwortung. Wenn Eltern als Partner
willkommen sind und die Möglichkeit der Mitgestaltung wahrnehmen,
kann das in vielerlei Hinsicht den Schulalltag bereichern:
- Eltern unterstützen die Lehrkräfte durch Begleitung von Wandertagen oder Fahrten - nicht in der Klasse ihres Kindes;
- Eltern öffnen ihren Betrieb / ihre Praxis
für Anschauungsunterricht oder stellen Praktikumsplätze zur
Verfügung;
- Eltern organisieren Informationsveranstaltungen zur Berufswahl und stellen sich als Berater/ Referenten zur Verfügung;
- Eltern stellen ihr berufliches Wissen oder ihre
Kenntnisse in einem Spezialgebiet (Hobby) zur Verfügung, z.B.
PC-Schulung, Schulhausgestaltung, Corporate Design, Sportangebot,
Beratung;
- Eltern fördern z.B. den Schüleraustausch, indem sie Gastschüler in der Familie aufnehmen.
- Eltern arbeiten eng mit der Schule zusammen im Bereich Prävention;
- Eltern suchen Sponsoren oder werden selbst Sponsoren.
Sicher
gibt es an jeder Schule weitere Möglichkeiten, wie Eltern die
Schule unterstützen können. Ein aktiver Elternbeirat wird
möglichst viele Eltern einbeziehen und beschränkt sich
längst nicht mehr auf das sprichwörtliche Kuchenbacken zum
Sommerfest. Durch ihre Berufstätigkeit sind Eltern meist besser
mit den Veränderungen der Gesellschaft und Anforderungen der
Arbeitswelt vertraut und können durch ihr Engagement wichtige
Prozesse der Schulentwicklung anstoßen und begleiten.
Schulordnung und Gesetze sind bei wirklich vertrauensvoller
Zusammenarbeit Leitfaden, aber nicht vorrangig.
Schulleitung und Kollegium als Partner des Elternbeirats
Voraussetzung ist allerdings, dass die Schule das auch will. Die
Offenheit der Schulleiterin oder des Schulleiters für die
Zusammenarbeit mit den Eltern ist hier ganz entscheidend. Renate
Hendricks, von 1998 bis Mai 2004 Vorsitzende des Bundeselternrates und
Mutter von fünf Kindern, sagte in einem Interview mit der ZEIT
(Nr. 22/2004) sehr deutlich: "Die Schule ist ein System, in dem Eltern
mit ihren Kindern ums Überleben kämpfen. Und die Lehrer sind
die Mächtigeren. Sie machen den Unterricht, und sie vergeben die
Zertifikate, die über Wohl und Wehe der Kinder und ihrer
Lebenswege entscheiden." Ja, es stimmt, es gibt leider immer noch
Schulen, wo Eltern sich zu Recht unwohl fühlen, weil sie deutlich
spüren, dass sie nicht willkommen sind und ihre Meinung nicht
zählt. Solange durch genügend Kinder die Schülerzahlen
gesichert waren, ließen sich vielleicht alte
"Herrschaftsansprüche" noch halten, die sich z.B. im
Zurückhalten oder zäher Weitergabe von Informationen, in
mangelnden Umgangsformen und geringer Gesprächsbereitschaft der
Lehrkräfte äußerten.
Je
weniger Kinder es aber gibt, und je bewusster die Eltern die Schulen
für ihre Kinder aussuchen, desto transparenter und kooperativer
müssen die Schulen werden. So gibt es inzwischen nicht wenige
Schulen, an denen gute Entwicklungen von den Eltern mit
angestoßen und vorangetrieben wurden und die Lehrkräfte es
als Entlastung empfinden. Sei es in der Nachmittagsbetreuung oder im
Schulentwicklungsprozess, bei der Erarbeitung der Schulverfassung oder
der Gestaltung des Schulhauses. Eltern bringen ihre Fähigkeiten
als Juristen, Grafiker, Handwerker, Informatiker,
Organisationsentwickler und Trainer in verschiedensten Gebieten ein.
Sie tragen entscheidend dazu bei, dass auch in finanziell schwierigen
Zeiten die Kinder eine zukunftsorientierte, umfassende Schulbildung
erhalten.
Zugegeben, nicht immer sind die Aufgaben des Elternbeirats so
interessant und angenehm wie gerade beschrieben. Naturgemäß
sammeln sich beim Elternbeirat alle Anliegen und Vorfälle, die
schlecht laufen, wo es an gegenseitigem Verständnis, an Offenheit
oder Transparenz fehlt. Es ist eine offizielle Aufgabe des
Elternbeirats, sich für Vertrauen und Einvernehmen zwischen Eltern
und Lehrkräften einzusetzen. Da gilt es, Lösungen zu finden,
die für alle Beteiligten akzeptabel sind oder auch längere
Wege im Kauf zu nehmen, wenn sich die Probleme an der Schule nicht
klären lassen.
"Kann der Elternbeirat überhaupt etwas erreichen?"
ist dann eine häufig gestellte Frage. Ja, er kann!
Grundsätzlich sind im Erziehungsgesetz und in den Schulgesetzen
für die einzelnen Schularten die Befugnisse des Elternbeirats
geregelt. Jeder Elternbeirat sollte diese Gesetze kennen, d.h. sich
einmal die für seine Schulart gültigen einschlägigen
Artikel und Paragrafen genau anschauen. Schulordnungen gibt es im
Buchhandel, wenn Sie sie nicht in der Schule ohnehin bekommen. Im Laufe
der letzten Jahre wurden aufgrund der Arbeit der Elternvertreter die
Elternrechte deutlich klarer formuliert, die
Mitsprachemöglichkeiten auf verschiedene Gebiete ausgedehnt. So
können Elternbeiräte jetzt z.B. auch in der Lehrerkonferenz
zu wichtigen Themen Stellung nehmen und ihre Meinung dem gesamten
Kollegium vortragen. Die Kompetenzen des Schulforums wurden erweitert.
Elternvertreter werden auch an Lehrplan- und Bildungskommissionen
beteiligt und habe dort aktive Mitwirkungsmöglichkeiten, die
genutzt werden sollten.
Es
ist also sehr wichtig, dass vom Kindergarten an sich die Eltern
engagieren und das tägliche Umfeld der Kinder und Jugendlichen
beobachten, unterstützen und korrigieren. In jedem Fall geht es um
das Wohl und die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. So kann es
durchaus vorkommen, dass der Elternbeirat auch Missstände und
Fehlentwicklungen aufgreift, deren sich die Schule nicht bewusst ist
oder die bekannt sind, aber nicht abgestellt werden. Das kann einige
Geduld und Hartnäckigkeit erfordern, bringt häufig auch
ungerechte Angriffe und einseitige Behauptungen mit sich. Gerade in
solchen Fällen ist es gut, wenn der Elternbeirat als Gremium
berät, das Gespräch mit den Betroffenen sucht und "der
Schulfrieden" möglichst schnell wieder hergestellt wird. Wird
keine einvernehmliche Lösung gefunden, können professionelle
Berater hinzugezogen werden.
Ich habe immer wieder erlebt, dass Schwierigkeiten durch die
Vermittlung des Elternbeirats bereinigt wurden. Voraussetzung ist ein
wertschätzender und höflicher Umgang miteinander, so dass die
Anliegen sachlich besprochen und gelöst werden. Eine
langjährige Forderung von Eltern ist, dass es sinnvolle
Lösungen geben muss, wenn z.B. dauerhaft gravierende
Schwierigkeiten auftreten, sei es im menschlichen Umgang oder bei der
Unterrichtsqualität. Die nachhaltige Aversion gegen Unterricht und
Lernen oder auch Beeinträchtigungen der
Persönlichkeitsentwicklung, die durch unprofessionelles Verhalten
von Lehrkräften bei Kindern entstehen, können wir uns nicht
mehr leisten. Es muss eine Handhabe geben, die Kinder vor dauerhaft
unfähigen oder unwilligen Lehrkräften zu schützen. Durch
gute Regelungen wäre auch mancher Burn-out bei Lehrkräften zu
vermeiden.
Elternrechte - Elternpflichten
Ebenso gilt aber: es muss auch Möglichkeiten für die Schule
geben, von Eltern die nötige Unterstützung und Erziehung der
Kinder einzufordern. Lehrer müssen ihren Unterricht in einer
angemessenen, förderlichen Atmosphäre halten können.
Eine Gratwanderung und Herausforderung für alle in unserer
Gesellschaft, die sich effektive Schulen wünschen! Folgen wir dem
Beispiel der Schweiz, wo in einigen Kantonen die Teilnahme an
Elternabenden verpflichtend ist? Wäre es überhaupt denkbar,
dass wie in Dänemark zu Schuljahresbeginn die Eltern über
mehrere Wochen an Elternabenden teilnehmen (müssen), damit sie die
wichtigsten Informationen über Lehrpläne,
Unterrichtsmethoden, Verhaltensregeln und Elternarbeit bekommen?
Spätestens seit der Katastrophe von Erfurt ist wohl klar, dass
eine Zusammenarbeit von Eltern und Schule viel wichtiger ist, als wir
bisher oft meinten. Aber wie schaffen wir es denn in unserer
individualisierten Gesellschaft, dass Eltern sich wieder für die
Schule engagieren - auch über die Belange ihrer eigenen Kinder und
der im Gesetz vorgeschriebenen Pflichten hinaus? Hier kann ein
kreativer Elternbeirat wichtige Impulse geben!
Anerkennung motiviert
Wenn es zu den eher unangenehmen Aufgaben des Elternbeirats
gehört, bestehende Probleme zu lösen, so ist es umso
schöner, die Höhepunkte des Schuljahres mitzugestalten oder
die Leistung einzelner Lehrkräfte und Schüler durch Lob zu
würdigen. Der Elternbeirat kann eine "Kultur der Anerkennung" in
der Schule bewirken, wenn es selbstverständlich wird, dass
besondere Leistungen von Schülern, Lehrern und Schulleitung
wahrgenommen und bekannt gemacht werden. Es
ist bedauerlich, dass bei uns materielle Anerkennung, z.B. ein Geschenk
sehr leicht als Bestechung angesehen werden kann und eine positive
Haltung dadurch oft gebremst wird. Aber mit etwas Phantasie findet man
doch Möglichkeiten, Lob und Wertschätzung auszudrücken.
Ein Kuchen am Jahresende mit einem Dankbrief, eine Einladung zum
sommerlichen Grillen oder zum adventlichen Kamingespräch mit
Glühwein ist eine gute Möglichkeit für den Elternbeirat,
das Kollegium besser kennen zu lernen und den Dank zu zeigen. Wenn man
sich kennt, lassen sich auch Meinungsverschiedenheiten meist schneller
ausräumen. Das sonst übliche Misstrauen ist verschwunden.
Jeder geht davon aus, dass auch der andere das Beste für die
Schülerinnen und Schüler will.
Lehrkräfte und Eltern - beide sind Fachleute
Dass die Lehrerinnen und Lehrer als ausgebildete Pädagogen
Fachleute für Unterricht und Erziehung sind, wird meistens
akzeptiert. Den Eltern aber wird oft die Kompetenz abgesprochen, weil
sie in der Regel nicht als Erzieher oder Pädagogen ausgebildet
wurden. Ja, da könnte der Kern des Problems liegen: Kinder kann
man ohne Vorbildung bekommen! Solange sich das nicht ändert, haben
wir mit dem scheinbaren Unterschied der Professionalität bei der
Begegnung von Eltern und Lehrern zu tun. Und doch: werden nicht Eltern
durch den täglichen Umgang mit ihren Kindern auch zu Profis
für Erziehung? Bekommen sie nicht durch die Hilfe bei den
Hausaufgaben allmählich auch ein Fachwissen, wie sie es
während ihrer eigenen Schulzeit kaum hatten? Sie erleben fast
täglich, dass die Kinder etwas nicht verstanden haben, sich aber
auch nicht mehr nachzufragen trauen, weil sie schlechte Noten
fürchten. Wenn der Unterrichtserfolg ausbleibt, lag es bisher fast
immer an den "faulen" Schülerinnen und Schülern. Selten wurde
gefragt, ob der Unterricht wirklich engagiert und professionell war.
Nach
den PISA-Ergebnissen wurden nun verschiedene Leistungstests
eingeführt, über Bildungsstandards diskutiert und die
Unterrichtsqualität gemessen. Entscheidend ist, wie wir mit den
Ergebnissen solcher Untersuchungen und Tests umgehen. Erst, wenn alle,
Schülerinnen und Schüler, Eltern und Schule, in ihren
jeweiligen Verantwortlichkeiten daraus Konsequenzen ziehen, wird sich
dauerhaft etwas ändern. Es gilt also zu fragen: Wie können
wir es besser machen? Und nicht mehr: Wer ist schuld? Wenn es gelingt,
dass jeder den anderen in seinem Gebiet als kompetent anerkennt und wir
es lernen, Fehler als Hinweis für Verbesserungsmöglichkeiten
zu erkennen, hat Qualitätsmessung (Evaluation) ihren Sinn. Dabei
kann der Elternbeirat wichtige Hilfe leisten, z.B. durch Umfragen bei
den Eltern zur Zufriedenheit mit der Schule und durch konkrete
Verbesserungsvorschläge.
Autorin: Barbara v. Schnurbein, M.A. Slavistik/Anglistik, Illustration:Werner Tiki Küstenmacher
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